Indoeuropäische und semitische Völker, griechisch-römische Antike, Judentum, katholisches und orthodoxes Christentum und Islam - aus diesen Elementen speist sich die europäische Kultur-und Geistesgeschichte. Ein oder der Schmelztiegel, an dem all jene Elemente verdichtet und zusammengeschmolzen werden, ist Südosteuropa, oder landläufig der Balkan. Für Metternich fing dieser ja bereits an der Wiener Landstraße an, weniger süffisant kann man ihn in einer erdachten Linie zwischen Triest und Odessa festmachen.
Für das römische Reich wurde die Drina, jener bosnische Fluss, der in die Donau mündet, die Trennlinie zwischen West- und Ostrom. Seit dem Jahr 395 nach Christus hat Europa also zwei Lungenflügel, wie es Papst Johannes Paul II. einmal gemeint hat- einen "lateinischen" Westen und einen orthodoxen Westen.
Knapp eine Woche war ich nun für das katholische Bildungshaus Sodalitas in Tainach/Tinje mit einer 35köpfigen Reisegruppe als Reiseleiter sozusagen entlang dieser Linie unterwegs: in Kroatien, Bosnien und Herzegowina und Montenegro.
Eine Reise, die ich als eine der für mich wichtigsten einordne, die ich bisher in meinem Leben gemacht habe. Vor allem Bosnien hat mich ambivalent zurückgelassen - Eindrücke landschaftlicher Grandezza und unglaublicher Schönheit haben sich mit Beklemmung abgewechselt: Beklemmung deshalb, weil die Narben jenes Wahnsinns, der unter dem Begriff "Balkankriege" subsumiert wird, noch immer zu sehen und auch zu spüren sind.
So sucht man in Banja Luka, der administrativen Hauptstadt der politischen Entität "Republika srpska" vergeblich nach der offiziellen Flagge Bosniens. Dafür sieht man die Farben Serbiens wehen und riesengroße Graffitis mit der Jahreszahl 1389, jenem Jahr, an dem die Schlacht am Amselfeld geschlagen wurde - der Grundmythos serbischer Identität. Banja Lukas Einwohnerschaft hat sich massiv verändert - vor dem Krieg, wie in alle anderen bosnischen Städten ein Gemisch von katholischen Kroat:innen, muslimischen Bosniak:innen und orthodoxen Serb:innen, hat sich die Stadt, in der nicht direkt gekämpft wurde, eindimensional in Richtung Serb:innen verschoben (Bosniak:innen und Kroat:innen flohen, an ihrer statt siedelten sich serbische Flüchtende aus anderen Regionen Bosniens an).
In Mostar wiederum, auf der unglaublich schönen "stari most", der alten Brücke stehend, musste ich daran denken, dass sich hier am Anfang des Krieges Kroaten und Bosniaken gemeinsam gegen die Serben verteidigt hatten, die die Stadt umstellt hatten - nur um sich später gegenseitig über die vlt 50 Meter breite Neretva zu beschießen und mit Absicht die Brücke zu zerstören (Kroaten). Die Brücke wurde nach dem Krieg wieder rekonstruiert und aufgebaut.
Nicht wieder aufgebaut konnten aber all jene bosniakischen Männer werden, deren Gräber ich auf einem der muslimischen Friedhöfe in der Stadt gesehen habe: unterschiedliche Geburtsjahre, jedoch dasselben Sterbejahr: 1994. Der Wahnsinn des Krieges.
Budva in Montenegro wiederum zeigt den Wahnsinn des ungehemmten Wachstums - die Altstadt (Weltkulturerbe) wird von immer mehr Hotel- und Appartementbauten umgeben und zu Tode gedrückt, der Yachthafen wimmelt von Superyachten- woher stammt das Geld? Wie schaut es mit Umweltschutz aus? Wachstum um jeden Preis? Auf wessen Kosten?
Dubrovnik zeigt den Wahnsinn des Massentourismus, wenn die "Heuschrecken der Meere", die Kreuzfahrtschiffe anlegen und Tausende zugleich in dieser so unglaublich schönen Stadt einfallen für Selfies, Souvenirs und "game of thrones"-Sightseeing. Wir hatten Glück- die Moloche der Meere hatten ihre menschliche Fress-Fracht schon wieder eingesammelt. als wir die Stadt besuchten.
Sarajevo, einer der Schicksalsorte Europas (1914 Attentat, 1984 olympische Spiele als Zeichen des Friedens und dann eine 1425 Tage lange Belagerung durch serbische Truppen während des Bosnienkrieges), präsentiert sich 2025 als moderne, vibrierende Stadt - und zeigt, was die Stadt war und Europa sein könnte: innerhalb weniger Meter liegen in der Altstadt Moschee, katholische Kirche, orthodoxe Kirche und (ehemalige) Synagoge nebeneinander.
Die Wasserfälle von Jajce, alte Hauptstadt der bosnischen Könige im ausklingenden Mittelalter.
Die Reise in die ehemaligen Teilrepubliken Jugoslawiens, nach Montenegro, Kroatien und v. allem Bosnien und Herzegowina hat gezeigt, was Europa ausmacht - und sie hat gezeigt, wohin Hass und Unverständnis und irrationale, von irrational-radikal-nationalen Politiker:innen geschürte Vorurteile führen können. Eine Reise zwischen Ergriffenheit aufgrund unglaublicher Schönheit (der Landschaft, der Bauten) und Beklemmung, da totgehoffte Animositäten am Balkan aufgrund rechter, nationaler Politiker:innen wieder aufkochen. Und bevor wir uns als gelernte Österreicher:innen zurücklehnen und mit dem Finger der Entrüstung auf "die da unten" zeigen. Wo genau fängt der Balkan an? Ich erinnere an Metternich.....
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